Religiöse Lebenswelt im 10. Jahrhundert – Dorothe Zürcher: „Stabilitas loci – Der Weg der Wiborada“

Stabilitas_loci

Copyright: IL-Verlag GmbH

Anfang Oktober letzten Jahres erhielt ich das Buch über die Community LovelyBooks zur Rezension. Da ich mich sehr für Geschichte interessiere und das europäische Mittelalter sich da auch mit mit meinen Geschichtsinteressen deckt, war ich darüber sehr erfreut. Ich hatte nach einem ersten Leseabschnitt das Buch jedoch bis Februar diesen Jahres wieder zur Seite gelegt, da mir das Buch nicht so recht gefiel.

Die Autorin ermutigte mich jedoch kurz nach dem Abbruch weiter zu lesen und im Nachgang muss ich schon sagen, dass ich vollkommen auf meine Kosten gekommen bin.

Als Mädchen weigert sich die adlige Wiborada zu heiraten. Sie flieht ins Kloster St. Gallen zu ihrem Bruder und begibt sich auf eine gefährliche Pilgerreise nach Rom. Dort wird in ihr der Wunsch geweckt, ein religiöses Leben nach dem
Vorbild der Mönche im Kloster St. Gallen zu führen – unmöglich für eine Frau im 10. Jahrhundert.
Wiborada sucht ihren eigenen Weg. Von den Geistlichen misstrauisch beäugt, endet sie nur dank ihrer Verhandlungsgabe nicht auf dem Scheiterhaufen. Sie willigt ein, sich in eine Zelle einmauern zu lassen, wo sie ihr Leben ganz der Askese widmen könne. Doch die Mönche haben nicht mit Wiboradas seherischen Fähigkeiten gerechnet.
Ein Roman über eine mutige Frau, die 100 Jahre nach ihrem Tod heiliggesprochen wurde. – Covertext –

Wie es Titel und Kladdentext bereits aussagen geht es um die Darstellung des Lebens der Heiligen Wiborada.

Zum Leben der Heiligen selbst gibt es zwei historische Quellen, beide jedoch erst nach deren Tod verfasst. Für das 10. Jahrhundert ist das nicht ungewöhnlich – und so hatte die Autorin genügend Raum, um durch Recherchen rund um die Lebenswelt Wiboradas einen in sich sehr stimmigen Roman zu erschaffen.

Sehr gelungen fand ich den Kreis, den die Autorin erschuf, indem sie mit einem Ungarneinfall in der Kindheit die Lebensgeschichte der Heiligen beginnt und schlussendlich auch beendet. Das finde ich sehr gelungen.
Doch gleich nach dem traumatischen Kindheitserlebnis Wiboradas begann das Buch für meinen Geschmack zu schwächeln. Denn bis zum Antritt der Pilgerreise nach Rom schildert die Autorin sehr stark die religiöse Seite und Verklärtheit Wiboradas. Dabei lässt die Autorin Wiborada sehr, sehr viele Psalmen rezitieren, die sie Original in Latein und anschließend dann übersetzt wiedergibt. An und für sich finde ich das nicht schlecht, es war mir nur einfach viel zu viel und zu wenig Handlung neben der religiösen Verklärung. Deshalb hatte ich das Buch dann erst einmal zur Seite gelegt.

Doch mit der Reise nach Rom bis zum Ende des Buches hin relativiert sich dann alles. Die Autorin lässt viel mehr Einblick in die Lebenswelt des 10. Jahrhunderts einfließen. Die Schwierigkeiten, die die Kirche in dieser Zeit hatte, ihr schwindender Einfluss, das Wiedererstarken alter Gebräuche im Alltag der einfachen Bevölkerung. Besonders schön fand ich dann auch die Darstellung Wiboradas als eine Frau, die das starke Bedürfnis hatte ihre eigene Religiosität zu leben, ohne dabei den Bezug zu der sie umgebenden Wirklichkeit zu verlieren.

Den Schreibstil der Autorin finde ich sehr gut. Es gelingt ihr mittels Sprache sehr intensive Charaktere zu generieren, die auch noch nach dem Lesen einen starken Nachklang bei mir hinterlassen haben.

Ich empfehle das historisch gut recherchierte Buch auf jeden Fall Lesern, die sich für Kirchengeschichte, die Lebensgeschichte einer Heiliggesprochenen  oder auch Alltagsgeschichte des 10. Jahrhunderts interessieren. Es ist wirklich eine Bereicherung. Bei mir steht das Buch auf jedem Fall im Leseregal.

ISBN: 9783906240787
Verlag: IL-Verlag GmbH
Erscheinungsdatum: 01.09.2018
Erscheinungsform: Softcover
Preis: 17,50 €

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